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Lassen Grüne und CDU queere Senior*innen im Stich?

Nimmer dabei? Landesweite Fachberatung für gleichgeschlechtliche und transidente Lebensweisen in der offenen Seniorenarbeit NRW vor dem Aus?

dp. Seit 2011 ist die queere Beratungseinrichtung rubicon, Köln, Träger der landesweiten Fachberatung für gleichgeschlechtliche und transidente Lebensweisen in der offenen Seniorenarbeit NRW. Das Team setzt sich dafür ein, dass Kommunen und Freie Träger ältere Lesben, Schwule und trans Personen in ihre Angebote für Senior*innen einbeziehen. Die Landesfachberatung gilt weit über NRW hinaus als Pionierin der queeren Altersarbeit.
2023 signalisierte das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW Rückenwind für eine weitere Förderperiode. Dann kam kurz vor Weihnachten völlig unerwartet das Aus. Zukünftig soll es keine Zielgruppenförderung mehr geben. Diese Begründung ist nicht neu, vor drei Jahren stand das Projekt schon mal auf der Kippe. Damals engagierte sich die FDP erfolgreich für den Erhalt der queeren Altersarbeit. Doch jetzt weht der Wind rauer. Am 1.7. soll Schluss sein. FRESH sprach mit Meike Nienhaus (Foto), Geschäftsführung rubicon e.V..

Was bedeutet das „Aus“ für ältere Lesben, Schwule und trans Personen in NRW?

Es ist ein fatales Signal! Wir alle wissen, wenn Projekte einmal abgewickelt werden, sind sie tot. Da kommt so schnell nichts mehr. Das ganze Wissen geht verloren, vielversprechende Entwicklungen bleiben auf der Strecke. Gerade in den letzten drei Jahren war das Team viel unterwegs in den Kreisen. Es war ausdrücklicher Wunsch von Minister Laumann, die ländlichen Regionen mitzunehmen. Und es ist bemerkenswert, wie viele der Mitarbeiter*innen in den Kommunen die Verknüpfung von Alter und Vielfalt in ihre Arbeit einbeziehen möchten. In Herford beispielsweise oder Düren haben Fachabteilungen großes Interesse, Netzwerke für queere Senior*innen zu begleiten. Das machen sie aber nur, weil sie wissen, es gibt eine Landesfachberatung, die sie auf diesem Weg unterstützt.

Das Ministerium sagt, die Aufgaben der Landesfachberatung müssen von den Regelstrukturen übernommen werden. Was heißt das?

Das heißt, dass die Kommunen diese Vielfalts-Aufgaben übernehmen sollen. Mitarbeiter*innen in den Fachabteilungen berichten jedoch, dass ihnen queeres Fachwissen fehlt. In den Verwaltungen ist in der Regel keine Expertise zur Lebenssituation von LSTBIQ* vorhanden. So gut wie keine Kommune hat das Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Altenförderplan aufgenommen und umgesetzt. Und wenn das doch der Fall war, wie z.B. im Kreis Paderborn, dann geschah das mit maßgeblicher Unterstützung der Landesfachberatung.

Wie sieht so eine Unterstützung konkret aus?

Nehmen wir das kleine Städtchen Vreden im Kreis Borken. Die Koordinatorin des Generationenbüros fragte bei der Landesfachberatung an, wie sie die wenig sichtbare Gruppe von älteren Lesben, Schwulen und Trans erreichen könne. Mit einer gut beworbenen Veranstaltung, die Georg Roth und Carolina Brauckmann vorbereitet haben, gelang es, im „Twickler Treff“ einen queeren Stammtisch ins Leben zu rufen. Den gibt es jetzt bereits im dritten Jahr. In kommunalen Konferenzen Alter und Pflege, in denen über Gesundheitsthemen und altengerechte Strukturen abgestimmt wird, informiert das Team über gleichgeschlechtliche und transidente Lebensformen und regt Handlungsschritte an.
Unterstützung leistet die Fachberatung auch für Selbsthilfegruppen. HIV, § 175, gesellschaftliche Ausgrenzung und Abqualifizierung, aber auch Aufbruch, Solidarität und Befreiung von Klischees kennzeichnen die Lebensrealität alter und älterer schwuler Männer. Andreas Kringe berät schwule Seniorengruppen in NRW. Oft geht es darum, Einsamkeit vorzubeugen. Das gilt auch für ältere trans* Personen. Mischa Regenbrecht empowert Selbsthilfegruppen und bringt die trans Thematik in die Fachabteilungen der kommunalen Altenhilfe ein.

Was passiert jetzt?

Wir nehmen Politiker*innen in die Verantwortung für rund 240.000 ältere Lesben, Schwule und trans* in NRW. Der NRW-Koalitionsvertrag spricht von LSBTIQ*-Seniorinnen und -Senioren als besonders vulnerabler Gruppe und stellt fest, dass es spezielle Angebote braucht. Beantragt war eine Förderung von 2,25 Personalstellen jährlich. Wir brauchen mehr als nur eine Projektförderung! Wir brauchen verlässliche Strukturen, die helfen, in Würde zu altern. Dass ausgerechnet die Pioniere der Emanzipationsbewegung wieder an den Rand und in die Unsichtbarkeit verwiesen werden, ist bestürzend. Generationen schwuler Männer haben Strafverfolgung erlebt, lesbische Mütter den Entzug des Sorgerechts für ihre Kinder, mindestens die Androhung des Entzugs. Menschen, die sich im fortgeschrittenen Alter zur Transition entschließen, sind mit massiven Diskriminierungen konfrontiert. Rückzug und soziale Isolierung sind vorprogrammiert, wenn alte Menschen keine Unterstützung erhalten. Das gilt erst recht für ältere und alte LSBTIQ. Die queeren Generationen einzubeziehen in die Angebote der offenen Seniorenarbeit und Orte für sie zu schaffen, war und ist unser Ziel. Dafür werden wir kämpfen.

Kontakt und weitere Infos:
www.rubicon-koeln.de und www.immerdabei.net

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