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„Corona-Leugner kann ich nicht verstehen“

Rosa von Praunheim

fb/dd. Seit vielen Jahrzehnten gehört Rosa von Praunheim zu den bekanntesten Schwulen des Landes und ist eine Galionsfigur der Homosexuellenbewegung. Ende November ist er 78 Jahre alt geworden, aber vom Ruhestand noch weit entfernt. Wir haben ihn zu den aktuellen Veränderungen in Zeiten der Pandemie befragt.

Du bist nach wie vor unglaublich produktiv. Inwieweit hat Dich Corona ausgebremst?

Im Frühjahr war ich wie gelähmt, aber jetzt bin ich voller Energie, weil ich seit dem Sommer nur noch von 10 Uhr bis abends um 18 Uhr esse – das macht den Kopf klar, ich male, dichte und telefoniere. Ich bin froh, dass ich auch als Theaterautor und Regisseur erfolgreich bin. Zwei Jahre lief am Deutschen Theater mein autobiografisches Musical „Jeder Idiot hat eine Oma nur ich nicht“, jetzt „Hitlers Ziege oder die Hämorrhoiden des Königs“ über Hitlers Sexleben und die Schwulitäten Friedrichs des Großen. Außerdem schreibe ich an meinem neuen Roman „Hasenpupsiloch“ und meiner neuen Autobiographie „Glückskind“. Gerade habe ich einen kleinen experimentellen Film fertiggestellt, den ich hauptsächlich in meinem Wohnzimmer gedreht habe: „Die Nachtigall oder der grausame Sohn“ nach einem alten Hörspiel von mir – eine Mutter-Sohn-Geschichte. Außerdem erscheint am 11. Dezember die DVD zu meinem letzten Kinofilm „Darkroom“. Es ist toll, wenn man trotz Corona aktiv sein kann.

Du gehörst aufgrund Deiner Asthma-Vorerkrankung und Deines Alters zur Haupt-risikogruppe bei Covid-19. Bist Du im Alltag deswegen besonders vorsichtig geworden?

Mein Asthma habe ich schon länger homöopathisch im Griff. Im Gegensatz zur Aids-Krise, wo ja fast alle Infizierte starben, da war ich sehr panisch und kämpferisch. Und das Tragische bei Aids war, dass es viele prominente Schwule gab, die das Virus verharmlosten. Es gab Sprüche wie „Jeder hat das Recht auf Aids“ oder „Nicht das Virus macht krank, sondern die sensationelle Presse“. Ich habe fast zehn Jahre leidenschaftlich in der Aids-Krise für Safer Sex gekämpft mit Hörspielen („Adonis in New York“), vier Filmen – „Ein Virus kennt keine Moral“ von 1985 und Ende der 80ziger mit der Aids-Trilogie „Positiv“, „Schweigen = Tod“ und „Feuer unterm Arsch“. Wir haben diese Filme immer mit Diskussionen gezeigt, und es war furchtbar zu sehen, wie viele meiner Freunde starben. Jetzt sehe ich Corona entspannter, das heißt, momentan bin ich doch vorsichtiger geworden, ich habe meinen Geburtstag nur mit vier Leuten gefeiert und nicht mit 40 wie sonst.

Wenn ich mit Freunden rede, höre ich, dass es für promiske Schwule in der Pandemie besonders schwierig ist. Sex kann quasi nicht mehr stattfinden, wie wäre dein Tipp, damit umzugehen? Wie organisierst du das bei dir?

Ich bin in der glücklichen Lage, seit 12 Jahren einen Lebensgefährten zu haben. Einige Schwule in meiner Umgebung sind vorsichtig, der Mitbewohner meines Mitarbeiters ist trotzdem sehr promisk, holt sich aus dem Internet jeden Tag ein bis zwei Partner. Damit gefährdet er ja nicht nur sich, sondern auch andere. Es ist schwer, wenn man viel Sex gewohnt ist, sich einzuschränken, gerade die vielen Plätze für Schwule, wie Darkrooms, Saunen usw. sind geschlossen. Meine lesbischen Freundinnen Elfi Mikesch und ihre Frau Lilly Grothe dagegen gehen nicht mehr aus dem Haus.

Wenn ich an „Überleben in New York” oder „… Neukölln” denke, denke ich auch an die queere Community, und ich frage mich, wie nachhaltig wird sie nun durch Corona geschädigt? Wie kann man Sichtbarkeit aufrechterhalten und Strukturen, wie z.B. das SchwuZ, schützen?

Da bin ich der falsche Ansprechpartner, ich weiß nur, dass viele um ihre Existenz kämpfen. Ein Freund meines Freundes Max betreibt die schwule Bar „Heile Welt“ und leidet unter den Einschränkungen. Man kann nur hoffen, dass bald wieder alles besser wird.

Gerade in Deiner Heimatstadt Berlin gibt es eine große Bewegung an Corona-Leugnern. Gelegentlich sehen wir Regenbogenfahnen in den Demonstrationszügen. Wie stehst Du dazu?

Corona-Leugner kann ich ebenso wenig wie Trump-Fans oder AfD-Anhänger verstehen. Leider sind das nicht nur dumme Leute, die Frau meines Sportlehrers ist Ärztin und bei allen Corona-Leugner-Demos dabei – total unverständlich. Wie kam es, dass so viele Hitler wählten, wie kommt es, dass so viel Schwulenhass in Polen und Russland existiert, bzw. in China und Afrika? Fake News scheinen vielen Spaß zu machen, Wut und Hass ziehen viele an, eine Sucht nach Drama in für viele eintönigen Zeiten.

Würdest du, wie damals auf dem „Heißen Stuhl“, heute auch noch Promis outen, wie z.B. heute einen schwulen Profi-Fußballer?

Nein, aber ich würde es begrüßen, wenn sich viele in der katholischen Kirche als schwul outen würden. Ich bin natürlich froh, dass sich in Mitteleuropa so viel zu Gunsten von Schwulen und Lesben getan hat, aber es leben auch viele unter uns aus anderen Kulturen, wo Schwulenhass Gang und Gäbe ist. Wie kann man die aufklären, dass sie Minderheiten akzeptieren lernen, ein schwieriger Prozess. Wir müssen immer wieder um demokratische liberale Kräfte kämpfen. Immer wieder, nichts ist für immer.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was wäre er für dich ganz persönlich?

Eine Astrologin hat mir gesagt, dass ich nur noch zweieinhalb Jahre zu leben habe und dann sanft verscheiden werde. Das gefällt mir, bis dahin kann ich noch meine Miete bezahlen. Ich habe einen Wochenkalender gebastelt mit 52 Gedichten und Zeichnungen, den ich Euch gerne schicken kann.

Hier mal ein Corona-Gedicht
von mir:

Alles was eine Krone hat ist gut
auch wenn es schlecht ist
alles was glänzt ist schön
auch wenn es uns schadet
und alles was sexy ist ist geil
auch wenn man daran stirbt
also sterben wir voller Freude

 

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