Im Interview: Alexandra Mehdi und Sebastian Merkens, Spitzen-Duo für die Linken in NRW, zur kommenden Landtagswahl
dd. Für die Landtagswahl im Frühjahr 2027 hat die Linke NRW ihr Spitzenduo nominiert. Es sind Alexandra Mehdi und Sebastian Merkens, die vom Landesvorstand bei seiner Sitzung im April für die Spitze der Partei ausgewählt wurden. FRESH sprach mit ihnen über aktuelle queerpolitische Themen.
Sie treten als Spitzenduo der Linken NRW zur Landtagswahl 2027 an. Warum sollten sich queere Menschen in Nordrhein-Westfalen gerade für Die Linke entscheiden? Was unterscheidet Ihre Partei in der Queerpolitik von den anderen demokratischen Parteien?
Alexandra Mehdi: Für uns ist Queerpolitik keine Nischenpolitik, sondern eine Frage von Menschenrechten, sozialer Gerechtigkeit und Demokratie. Wir kämpfen nicht nur gegen Diskriminierung, wir sehen auch die Ursachen von Ausgrenzung. Wer queere Rechte ernst nimmt, muss Beratungsstellen dauerhaft finanzieren. Es müssen Schutzräume geschaffen und die Gesundheitsversorgung verbessert werden. Wir wollen dafür sorgen, dass queere Menschen unabhängig von ihrem Einkommen, ihrer Herkunft oder ihrem Wohnort gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Wir wollen queere Selbstorganisationen strukturell fördern, die queere Infrastruktur dauerhaft absichern und
Queerpolitik als Querschnittsaufgabe in der Landesregierung verankern. Es muss endlich Schluss sein, dass die Lebensrealität queerer Menschen nach wie vor von Ausgrenzung, struktureller Benachteiligung und einer erhöhten Gefährdung durch Hasskriminalität geprägt ist. Deswegen heißt es für uns: klare Kante gegen rechts: der Kampf gegen die AfD ist auch ein Kampf für queeres Leben.
Sebastian Merkens: Alex hat völlig recht mit der Aussage, dass der Kampf gegen rechts existenziell ist. Aus meiner über 20-jährigen Erfahrung in der schwulen Emanzipationsbewegung füge ich noch hinzu, dass wir uns auch nicht von bürgerlichen Parteien durch Pinkwashing spalten oder abspeisen lassen dürfen. Als ich beispielsweise im Rat in Mönchengladbach das Beflaggen des Rathauses zum CSD beantragte, war die SPD dagegen und die Grünen hatten das Thema schlicht verschlafen. Heute schmücken sie sich damit. Aktuell blockiert die CDU erstmal gefühlt aus Prinzip, und die Grünen nicken als Regierungspartner in NRW alle Haushaltskürzungen ab, die unsere Strukturen gefährden. Wir als Linke stehen für die harte soziale Absicherung der gesamten Szene, wir lassen nicht zu, dass „akzeptierte“ schwul-lesbische Angebote gegen die Bedürfnisse marginalisierterer queerer Gruppen ausgespielt werden.
Wie beurteilen Sie die Queerpolitik der aktuellen Landesregierung? Wenn Sie nach der Landtagswahl in den Landtag einziehen, welche queerpolitischen Vorhaben hätten für Sie oberste Priorität?
Alexandra Mehdi: Ganz ehrlich: das, was die Landesregierung auf den Weg gebracht hat, reicht angesichts der steigenden queerfeindlichen Gewalt und der zunehmenden Angriffe von rechts auf queere Einrichtungen und Veranstaltungen nicht aus. Viele Projekte arbeiten weiterhin unter unsicheren finanziellen Bedingungen, insbesondere außerhalb der Großstädte bestehen erhebliche Versorgungslücken.
Unsere Priorität ist deshalb, die queere Infrastruktur dauerhaft und verlässlich abzusichern. Dazu gehören u.a. der Ausbau regionaler Beratungs- und Begegnungsstellen, insbesondere für trans, inter und nicht-binäre Menschen und die strukturelle Förderung queerer Selbstorganisationen. Es kann doch nicht sein, dass die dort Arbeitenden neben ihrer so wichtigen Arbeit sich hinsichtlich der Finanzierung von Jahr zu Jahr hangeln ohne Verbindlichkeit.
Sebastian Merkens: Schwarz-Grün liefert schöne Bilder, aber wenn es ums Geld geht, wird gekürzt. Wenn Mittel knapper werden, wächst die Gefahr, dass die queere Szene sich um die Reste streitet. Genau diese Spaltung will ich verhindern. Meine persönliche Priorität als Abgeordneter wäre es, Queerpolitik aus der Nische zu holen. Das Referat für gleichgeschlechtliche Lebensweisen muss direkt an die Staatskanzlei angegliedert werden. Nur so wird queeres Leben zur verbindlichen Querschnittsaufgabe für alle Ministerien und kann nicht länger weggespart werden.
Außerhalb der Großstädte fehlt es vielerorts noch immer an Beratungs-, Begegnungs- und Unterstützungsangeboten für queere Menschen. Welche Maßnahmen würden Sie ergreifen, um insbesondere im ländlichen Raum eine flächendeckende queere Infrastruktur aufzubauen?
Alexandra Mehdi: Wir wollen den landesfinanzierten Ausbau regionaler Beratungs- und Begegnungsstellen vorantreiben – insbesondere in ländlichen Regionen. Dazu gehören spezialisierte Beratungsangebote für trans, inter und nicht-binäre Menschen ebenso wie Angebote für queere Jugendliche und ältere Menschen. Gleichzeitig wollen wir queere
Selbstorganisationen dauerhaft strukturell fördern, damit sie langfristig planen können. Auch im ländlichen Raum und in kleinen Kommunen braucht es Unterstützung beim Aufbau queerer Netzwerke, Begegnungsorte und kultureller Angebote. Niemand sollte für Beratung oder einen sicheren Treffpunkt viele Kilometer in die nächste Großstadt fahren müssen.
Sebastian Merkens: Als Kommunalpolitiker in Mönchengladbach weiß ich, dass die Lebensrealität abseits der Großstädte wie Köln eine andere ist. Wir brauchen flächendeckend landesfinanzierte Beratungsstellen, die für alle Generationen da sind. Vom queeren Jugendtreff bis zu Angeboten gegen die Vereinsamung queerer Senior*innen. Queeres Leben darf in NRW nicht in Großstadt und ländlicher Raum gespalten sein. Da insbesondere viele junge Menschen eine erweiterte Lebensrealität im digitalen Raum gefunden haben, kann ein demokratisch organisierter Ausbau solchen Angebotsstrukturen schnell Abhilfe bringen.
Christopher Street Days sind längst nicht mehr nur Demonstrationen in den Metropolen, sondern auch in kleineren Städten wichtige Zeichen für Sichtbarkeit und Demokratie. Sollte das Land NRW die Finanzierung von CSDs dauerhaft absichern und insbesondere kleinere Veranstaltungen stärker unterstützen? Wie bewerten Sie die bisherige Förderpolitik der Landesregierung?
Alexandra Mehdi: Die bisherige Förderpolitik der Landesregierung reicht nicht aus. Sie ist nicht ausreichend langfristig angelegt. Die bisherige Förderung der CSDs wird der Bedeutung dieser Veranstaltungen für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht gerecht, insbesondere weil die CSDs immer stärker mit rechtsextremen Bedrohungen konfrontiert werden. Gerade kleinere CSDs leisten häufig unter schwierigen Bedingungen wichtige politische Arbeit. Deshalb wollen wir die Landesförderung für CSDs langfristig verstetigen und insbesondere kleine Veranstaltungen dauerhaft finanziell absichern. Das schafft Planungssicherheit und stärkt das ehrenamtliche Engagement vor Ort.
Sebastian Merkens: Absolut, das Land muss hier dauerhaft unterstützen. Ich habe selbst jahrelang einen alternativen CSD organisiert, bei dem wir bewusst auf die Abwesenheit von Konsumzwang geachtet haben. Das war nur mit dem finanziellen und ideellen Engagement von sehr vielen umsetzbar. Klar ist jedoch, dass eine weitere Kommerzialisierung unsere Community spaltet, weil Sichtbarkeit und Teilhabe dann ausschließlich vom eigenen Geldbeutel abhängen. Ein CSD muss für alle inklusiv sein. Die aktuelle Förderpolitik der Landesregierung ist oft nur ein unsicherer Tropfen auf den heißen Stein. Wir müssen gerade die kleinen CSDs finanziell absichern, damit sie sich auf ihre politische Arbeit konzentrieren können, statt Sponsoren hinterherzulaufen.
Die Zahl queerfeindlicher Straftaten steigt seit Jahren. In NRW sind die angezeigten politisch rechts motivierten Straftaten im Jahr 2025 erneut angestiegen – von 5641 Taten in 2024 auf 6268 im Jahr 2025, das ist ein Plus von rund 11 Prozent. Gleichzeitig nehmen rechtsextreme Mobilisierungen gegen CSDs und Queere Angebote zu. Welche konkreten Maßnahmen braucht Nordrhein-Westfalen, um queere Menschen besser zu schützen? Wie bewerten Sie die Einführung des Landesantidiskriminierungsgesetz(LADG)?
Alexandra Mehdi: Diese Entwicklung ist alarmierend. Gleichzeitig wissen wir, dass viele Betroffene Übergriffe erst gar nicht anzeigen. Deshalb braucht es sowohl besseren Schutz als auch niedrigschwellige Unterstützung. Wir wollen das Landesantidiskriminierungsgesetz weiterentwickeln und stärken. Was meinen wir damit? Wir finden, dazu gehören unabhängige kommunale Beratungsstellen mit kostenloser Rechtsberatung, eine Ausweitung des Geltungsbereichs sowie ein vereinfachtes Klagerecht für Verbände. Wir wollen die Erfassung queerfeindlicher Straftaten verbessern und unabhängige Melde- und Opferberatungsstellen dauerhaft absichern. Besonders wichtig ist uns außerdem, Schutzlücken für queere Menschen zu schließen. Wir wollen spezialisierte Anlaufstellen sowie inklusive Krisenwohnungen und Notunterkünfte schaffen und bestehende Frauenhäuser und Gewaltschutzeinrichtungen personell, baulich und fachlich so stärken, dass sie allen von geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt betroffenen Menschen offenstehen.
Sebastian Merkens: Als schwuler Mann erlebe ich mit großer Sorge, dass das offene Händchenhalten auf der Straße für mich wieder gefährlicher wird. Die Zahl queerfeindlicher Straftaten ist 2025 in Nordrhein-Westfalen um 28 Prozent gestiegen – das ist ein Alarmsignal. Besonders betroffen sind hier transgeschlechtliche Menschen. Was wir als Linke zudem fordern, ist beispielsweise die Polizei zu einer bürgernahen und diskriminierungsarmen Institution zu entwickeln. Betroffene von Hasskriminalität brauchen eine Justiz, der sie bedingungslos vertrauen können, sowie unabhängige Melde- und Opferberatungsstellen vor Ort.
Vor dem Cologne Pride hat Ihre Partei den Ausschluss von BSW und LSU von der offiziellen CSD-Teilnahme gefordert und dies mit queerpolitischen Positionen beider Organisationen begründet. Wie bewerten Sie die Entscheidung des Cologne Pride? Wie stehen Sie zu den verbalen Angriffen gegenüber den Teilnehmern des LSU-Demowagen?
Alexandra Mehdi: Christopher Street Days sind politische Veranstaltungen mit klaren Werten. Es ist Aufgabe der jeweiligen Veranstalter*innen zu entscheiden, welche Organisationen diese Werte vertreten. Diese Entscheidung respektieren wir. Der Cologne Pride hat das BSW von der offiziellen Teilnahme ausgeschlossen und begründete die Entscheidung damit, dass die Positionen des BSW nicht mit den Grundsätzen, Zielsetzungen und dem Selbstverständnis des CSD vereinbar seien. Diese Entscheidung verdient unsere Unterstützung. Das BSW hat sich wiederholt gegen die Selbstbestimmung von trans Menschen positioniert, Debatten über geschlechtliche Vielfalt diskreditiert und damit Narrative bedient, die zunehmend von rechten und rechtsextremen Kräften aufgegriffen wird.
Zur LSU: sie mag sich ja als Interessenvertretung queerer Menschen innerhalb der Union präsentieren, sie bleibt jedoch Teil einer Partei, die über Jahre hinweg die vollständige rechtliche Gleichstellung queerer Menschen verzögert oder gar bekämpft hat. Wenn queerfeindliche Angriffe zunehmen, braucht es keine Regenbogenfassade für konservative Politik, sondern eine klare Haltung.
Sebastian Merkens: Hier zeigt sich am deutlichsten, dass wir uns als queere Szene nicht spalten lassen dürfen. Wenn das BSW gegen trans* Menschen hetzt oder die LSU einer Partei angehört, die unsere Gleichstellung jahrzehntelang blockiert hat, dann ist das ein Angriff auf die gesamte queere Familie. Ein Angriff auf trans* Rechte ist auch ein Angriff auf mich als schwulen Mann, denn ich bin Teil dieser queeren Familie. Wer einen Teil unserer Community marginalisiert, hat auf einem CSD nichts verloren. Körperliche Übergriffe lehne ich selbstverständlich ab, aber ein lautstarker, klarer politischer Gegenprotest gegen reaktionäre Kräfte auf unseren Demonstrationen ist unser gutes Recht und dringend notwendig. Und viele Schilder und Sprechchöre am Rand der Demonstration waren kreativer Ausdruck einer queeren Selbstbemächtigung, die ich vollauf unterstütze.
Viele queere Projekte beklagen, dass ihre Finanzierung von jährlichen Haushaltsentscheidungen abhängt und langfristige Planung kaum möglich ist. Sollte Nordrhein-Westfalen die Förderung queerer Selbstorganisationen dauerhaft gesetzlich oder institutionell absichern?
Alexandra Mehdi: Ja, queere Beratungsstellen, Jugendangebote, Kulturprojekte und Selbstorganisationen übernehmen gesellschaftliche wichtige Aufgaben, auf die sich viele Menschen verlassen. Diese Arbeit darf nicht von kurzfristigen Haushaltsentscheidungen abhängen. Deshalb wollen wir die strukturelle Förderung queerer Selbstorganisationen verstetigen und ausbauen. Dazu gehören mehrjährige Förderzusagen und institutionelle Förderung dort, wo dauerhaft wichtige Aufgaben übernommen werden. Das gilt auch für Einrichtungen wie die ARCUS-Stiftung, deren Arbeit für Bildung, Erinnerungskultur und die Aufarbeitung der Verfolgung queerer Menschen unverzichtbar ist. Ihre verlässliche Finanzierung verstehen wir auch als Teil der kollektiven Entschädigung für jahrzehntelange staatliche Diskriminierung.
Sebastian Merkens: Ja, zwingend. Dieses jährliche Hoffen und Bangen zermürbt das Ehrenamt. Das weiß ich aus meiner eigenen politischen und aktivistischen Arbeit nur zu gut. Ich setze mich besonders für die dauerhafte Finanzierung der ARCUS-Stiftung ein. Deren Arbeit ist nicht nur ein Projekt, sondern ein unverzichtbarer Teil der kollektiven staatlichen Entschädigung, gerade auch für die jahrzehntelange Verfolgung schwuler Männer. Die Umsetzung von Menschenrechten darf nicht von der Kassenlage abhängen.
Queerpolitik wird häufig auf Antidiskriminierung reduziert. Die Linke betont dagegen, dass soziale Gerechtigkeit und Queerpolitik zusammengehören. Was bedeutet das konkret? Welche Antworten haben Sie auf Probleme wie Armut, Wohnungslosigkeit, prekäre Beschäftigung oder Diskriminierung im Gesundheitswesen, von denen viele queere Menschen besonders betroffen sind?
Alexandra Mehdi: Queerpolitik endet für uns nicht beim Diskriminierungsschutz. Queere Menschen sind überdurchschnittlich häufig von Armut, Wohnungsnot, prekären Arbeitsverhältnissen oder Benachteiligungen im Gesundheitswesen betroffen. Deshalb gehören soziale Gerechtigkeit und Queerpolitik untrennbar zusammen. Wir wollen eine diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung mit wohnortnahen Angeboten für queere Menschen, queere Gesundheit als festen Bestandteil medizinischer Aus- und Weiterbildung sowie den Ausbau psychosozialer Beratungsangebote und queerer Gesundheitszentren, Familien mit intersexuellen Kindern sollen unabhängige Beratung erhalten. Gleichzeitig setzen wir uns für bezahlbaren Wohnraum, eine starke öffentliche Daseinsvorsorge und den Ausbau von Schutzangeboten für queere Menschen ein, die von häuslicher Gewalt oder Wohnungslosigkeit betroffen sind. Wir wollen Angebote gegen die Vereinsamung queerer Senior*innen fördern, queere Clubs und Bars als Kulturorte erhalten und Behörden diskriminierungsfrei gestalten.
Sebastian Merkens: Ergänzend dazu rücke ich die Themen Gesundheit und Flucht in den Fokus, wo unsere Community ebenfalls politisch im Stich gelassen wird. Wir fordern den massiven Ausbau von Gesundheits- und Beratungszentren wie der AIDS-Hilfe und die psychosoziale Begleitung für trans*, inter- und nicht-binäre Menschen. Zudem lehnen wir das Konzept der „sicheren Herkunftsländer“ strikt ab. Queere Geflüchtete sind dort oft massiver Kriminalisierung ausgesetzt. Wir wollen Anlaufstellen für queere Geflüchtete ausbauen. Wirkliche Befreiung bedeutet: Niemand aus unserer Familie wird zurückgelassen – ungeachtet der Herkunft, des Alters oder der Identität.
