Im FRESH-Interview: Sven Lehmann (Bündnis 90/Die Grünen)
dd. „Ich bin Grüner mit Herz und Verstand”, nimmt Sven Lehmann, der 1979 in Troisdorf-Sieglar geboren wurde, für sich in Anspruch. Als deutscher Politiker ist er seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages und war von 2021 bis 2025 Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und von 2022 bis 2025 Beauftragter der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt (Queerbeauftragter). Seit 21. Mai 2025 ist er Vorsitzender des neuen Bundestags-Kulturausschusses.FRESH sprach mit ihm über aktuelle queerpolitische Fragen.
Sven, Du hast im letzten Interview von Diffamierungen Dir gegenüber erzählt, auch von Vertretern der AfD. Wie beurteilst Du die Stimmung im Land, wie weit bedroht die AfD unsere Freiheit und die Community? Wie kann man da gegensteuern?
Ich finde die Entwicklung sehr bedrohlich, und es ist schwer nachvollziehbar, dass so viele Menschen das verharmlosen. Laut Verfassungsschutz agitieren rechtsextreme Gruppen immer offener und aggressiver gegen LSBTIQ*, wie die Angriffe auf viele CSDs zeigen. Wir haben es zunehmend mit einer gewaltaffinen rechtsextremen Jugendkultur zu tun. Gleichzeitig gab es den islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD.
Warum sind wir queere Menschen diesen Fanatikern ein Dorn im Auge? Weil wir für Freiheit stehen! Für die Freiheit, selbst über unsere Liebe, unsere Sexualität, unsere Körper und unser Leben zu bestimmen. Diese Freiheit lassen wir uns nie wieder wegnehmen. So viele Menschen gingen bei den CSDs in diesem Jahr auf die Straße. Das macht Hoffnung.
Erschreckend ist, dass das Wort queer ja im schwarz-roten Koalitionsvertrag nur zweimal vorkommt. Und es gab noch nie ein Gespräch zwischen Sophie Koch und Friedrich Merz. Ministerin Karin Prien (CDU) hat vom „Schluss machen mit dem woken Kram” gesprochen. Wie bewertest Du die Chancen für z.B. die Änderung des Artikels 3 im Grundgesetz mit der CDU als Koalitionspartner der SPD? Gibt es da überhaupt Spielraum?
Ich bin sehr enttäuscht, dass unter Union und SPD der queerpolitische Aufbruch der Ampel-Jahre beendet wurde. Die Bundesregierung hat den Aktionsplan „Queer leben“ faktisch beerdigt, die Gleichstellung lesbischer Mütter im Familienrecht rückt in weite Ferne und Familienministerin Prien streicht dem einzigen bundesweiten queeren Jugendverband Lambda die Gelder. Auch die Symbole sind fatal: Als die Regenbogenflagge zum Berliner CSD nicht auf dem Reichstag wehen durfte, sagte Friedrich Merz spöttisch, der Reichstag sei kein Zirkuszelt. Dabei steht diese Flagge für die Werte unseres Grundgesetzes.
Bei Artikel 3 Grundgesetz gibt es Bewegung: Der Bundesrat hat 2025 einen Gesetzentwurf beschlossen, auch mit Stimmen CDU-geführter Länder wie Berlin und NRW. Jetzt blockieren Union und SPD, dass der Bundestag überhaupt darüber abstimmt. Der jetzige CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Frei meinte allen Ernstes, zwei Wörter würden die Verfassung „überfrachten“. Zwei Wörter! Was für eine Ignoranz! Wir GRÜNE werden da jedenfalls nicht lockerlassen, darauf kann sich die Community verlassen.
Beobachtest Du auch in der Community Menschen, die AfD wählen wollen? Wenn ja, wie erklärst Du Dir das, warum wählen queere Menschen diese Partei?
Die AfD bietet einfache Antworten auf komplexe Fragen, das spricht auch manche queeren Menschen an. Manche lassen sich auch von einer lesbischen Parteivorsitzenden blenden. Davor warne ich: Die AfD setzt auf einschüchternde Rhetorik und spielt Gruppen gegeneinander aus. Laut Analysen des Wahlprogramms würden vor allem Menschen mit hohem Einkommen profitieren, während jene mit geringem Einkommen Jobverluste und soziale Eiszeit zu erwarten hätten.
Ihre Politik richtet sich klar gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten: Einer der ersten Gesetzentwürfe der AfD-Fraktion wollte die Ehe für alle abschaffen. Auch die Geschichte mahnt: Unter den Nationalsozialisten schwammen zunächst auch homosexuelle Männer auf der Welle mit, viele wurden später verfolgt und ermordet.
Du forderst für die Filmförderung und die Kinokultur auch im queeren Bereich mehr Förderung statt drohenden Kürzungen. Wie kann das gelingen?
Lange fehlte die Repräsentation von LSBTIQ* in Film und Fernsehen völlig, dabei wollen Millionen queerer Menschen ihre Lebensrea-litäten und Geschichten auf der Leinwand sehen. Diese Vielfalt müssen wir bewahren und stärken.
Dafür braucht es Verlässlichkeit in der Förderung: Wer Filme macht oder ein Kino betreibt, muss planen können. Im Bundestag verabschieden wir gerade eine Investitionsverpflichtung für Streamer in den deutschen und europäischen Film. Dazu braucht es dringend auch ein attraktives Steueranreizmodell, denn Länder wie Frankreich, Ungarn oder Irland überholen uns. Auch die Kinos dürfen wir nicht vergessen!
Gewalt gegen queere Menschen nimmt im erschreckenden Maße weiter zu. Die Sicherheitssitua-tion hat sich für queere Menschen in den vergangenen Jahren laut Statistik sehr verschlechtert. Hat die Regierung dahingehend versagt? Was muss geschehen, um die Situation zu verbessern und Anschläge auf weitere CSDs zu verhindern?
Allein der Anblick eines transgeschlechtlichen Menschen oder eines lesbischen oder schwu-len Paares reicht queerfeindlichen Gewalttäter*innen oft als Anlass, zuzuschlagen. Solche Angriffe gibt es Tag für Tag. Wenn Neonazis in Pirna oder Leipzig gegen den CSD aufmarschieren, richtet sich das ausdrücklich gegen uns als Gruppe.
Ich fordere Bundeskanzler Merz auf, die queeren Verbände zu einem Spitzentreffen ins Kanzleramt einzuladen. Es braucht sichtbare Solidarität und entschlossenes Handeln.
Schon 2023 legte der Arbeitskreis „Bekämpfung homophober und transfeindlicher Gewalt“ der Innenministerkonferenz konkrete Empfehlungen vor. Sie müssen weiter umgesetzt werden: ein bundesweites Meldesystem, mehr Prävention, Opferschutz und Opferhilfe sowie effektivere Strafverfolgung.
Egal, ob die Taten von Rechtsextremen, Islamisten, religiösen Fanatikern oder einfach Gewalttätern ausgehen: Wer uns angreift, muss mit der vollen Härte des Strafrechts rechnen!

