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Lilo Wanders: „Bessere Rahmenbedingungen für queere Jugendliche”

Lilo Wanders mit queeren Jugendlichen
Lilo Wanders mit queeren Jugendlichen

dd. Als kompetente Moderatorin von 545 Sendungen „Wa(h)re Liebe“ wurde die Kunstfigur Lilo Wanders zwischen 1994 und 2004 europaweit bekannt. Sie wird verkörpert vom Hamburger Schauspieler Ernie Reinhardt, der 1988 gemeinsam mit Corny Littmann das Schmidt-Theater in Hamburg-St.Pauli gründete. FRESH sprach mit Lilo Wanders über ihren Werdegang, ihre Motivation bei sozialen Projekten und die Förderung der queeren Jugend.

Liebe Lilo, am 2. Juli wurdest Du im Essener GOP-Varieté für Dein Lebenswerk mit der „Goldenen Sonne“ ausgezeichnet. Als „Aufklärerin der Nation“ kannte Dich um die Jahrtausendwende jeder. Konntest Du noch unerkannt im Supermarkt einkaufen, und wie ist es heute?

Ich habe mir ja selber den Vorteil verschafft, privat anders auszusehen als im Beruf. Insofern wurde und werde ich eigentlich nur an meiner Stimme erkannt und kann selbst entscheiden, ob ich mit Fremden in Kontakt trete oder nicht.

Seit mehr als 25 Jahren wohne ich nicht nur in Hamburg, sondern überwiegend in einem eher ländlich geprägten Gebiet im Alten Land. Hier kennt man sich natürlich, aber man respektiert, dass ich privat bin. Nach einer Show oder einem Auftritt kommt es vor, dass ich mich nicht abschminke und als Lilo die Heimreise antrete. Dann freuen sich die Leute an der roten Ampel, wenn sie rüberschauen. Aber es gibt eine Generationengrenze. Der Höhepunkt meiner Bekanntheit liegt schon einige Jahre zurück und so kennen mich vor allem diejenigen, die jetzt über 35 sind. Jüngere blicken interessiert, aber man merkt, dass sie mich nicht wirklich einordnen können, oder sie verwechseln mich mit Olivia Jones (was uns beide amüsiert).

Die Zeiten von „Wa(h)re Liebe“ sind nun auch schon einige Jahre her. Legt die Wanders seitdem die Füße hoch?

Ganz und gar nicht. Ich bin fast getrieben, immer was zu tun, das liegt in meiner Natur. Allerdings lese ich immer noch sehr viel, das entspannt mich und lässt mich abtauchen, egal ob Romane, Biographien oder Sachbücher zu meinem Lebensthema Liebe, Sex und Partnerschaft.

Außerdem habe ich ja immer, auch während der „Wa(h)re-Liebe“-Zeit, Theater gespielt oder bin mit meinen kabarettistischen Programmen durch die Lande gereist. Mit meinen Solo-Programmen konnte ich natürlich auf die Bekanntheit durch meine Sendungen aufbauen. „Wa(h)re Liebe“ war damit tatsächlich eine der wichtigsten Episoden im meinem Leben.

Das Format war im Grunde eine Unterhaltungssendung, ist aber von vielen als Aufklärungssendung wahrgenommen worden. Da sind manche Tabus gebrochen worden. Es ist halt befreiend, zu erfahren, dass man nicht allein ist, auch wenn das sexuelle Begehren oder die Lebensweise scheinbar von der Masse abweicht. Eigentlich kann man sagen, es gibt überhaupt keine „Normalität“, nur Individuen mit ihrer jeweils einzigartigen Geschichte. Damals habe ich viel erlebt, gelernt und Erfahrungen gesammelt, die ich durch Bücher, in meinen Programmen oder mit anderen Projekten auch an junge Leute weitergebe.

Damals war es etwas Besonderes, öffentlich über Sexualität zu sprechen. Heute scheint keine Sendung ohne diese Thematik möglich. Wie nimmst Du hier die Veränderung wahr?

Sexualität war immer schon präsent in Literatur, auf Bühnen, in Filmen und natürlich auch in Gesprächen. Die Frage ist dabei nur, wie. Bis vor wenigen Jahren wurde nur angedeutet, verschleiert oder vulgär gewitzelt. Die Ernsthaftigkeit dieser für unser Leben so bedeutenden Fragen fiel oft unter den Tisch.

Heute, wo der Zugang zu Pornographie durchs Internet einfach geworden ist, habe ich den Eindruck, dass manche jungen Leute glauben, damit alles über Sexualität erfahren zu können.
Wichtige Fragen gerade der Adoleszenz bleiben da aber unbeantwortet. Ich glaube, dass eine Befangenheit, sich offen auszutauschen, zur Jugend gehört, dass Unsicherheit und Scham dabei mitspielen. Es ist eine wichtige Aufgabe, Freiräume zu schaffen, wo ohne Angst vor Wertung erzählt und zugehört werden kann.

Du bist ja eine der ersten öffentlichen queeren Personen in Deutschland. Welche Bedeutung hatte und hat für Dich die queere Community?

Mein Publikum ist überwiegend heterosexuell. Aber man weiß, dass ich Botschafterin für Akzeptanz und Vielfalt bin und mit wenigen Ausnahmen Verständnis für die unzähligen Möglichkeiten menschlichen Seins habe. Irgendwie bin ich wohl eine Integrationsfigur.

Deine Generation hat viel gekämpft und viel erreicht. Vermisst Du bei der jungen queeren Generation oft den Elan von früher?

Jede Zeit hat ihre Themen und Probleme, früher waren es andere, teilweise aber auch die gleichen wie heute. An die Ehe für alle oder ein Selbstbestimmungsgesetz war damals nicht zu denken. Manche wissen z.B. nicht, dass männliche Homosexualität in Deutschland noch bis 1994 strafbar war.

An vielen Punkten gibt es Fortschritte. Aber aus meiner Arbeit mit jungen Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter* weiß ich, dass viele auch heute noch unter Ausgrenzung, Diskriminierung und Einsamkeit leiden. Vieles ist offener geworden, und in weniger Familien ist ein Coming-Out ein Drama. Aber ob man nachher akzeptiert und weiter geliebt wird, weiß man eben vorher nicht. Und es kommt immer noch sehr drauf an, in welcher Straße ich lebe, welche Schule ich besuche und für welchen Ausbildungsweg ich mich entscheide.

Trans*menschen sind – gerade in den letzten Jahren – deutlich sichtbarer geworden. Das ist super, es ändert aber leider nichts an den vielen Fragen und Sorgen, die ihr Leben begleiten und auch nicht an der Ausgrenzung und den formalen Hürden, die sie erleben. Ich erlebe bei jungen LSBT*I* viel Engagement und Elan. Und das nicht nur öffentlich zum CSD auf der Straße, sondern eben auch bei der gegenseitigen Unterstützung und Stärkung im Alltag. Dafür braucht es aber Rahmenbedingungen, dass sich stärkende Gemeinschaften bilden können. Die queeren Jugendzentren und Jugendgruppen spielen hier eine zentrale Rolle, die gibt es allerdings eben noch nicht flächendeckend.

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