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Kultur

Immer wieder Simple Minds

Leadsänger Jim Kerr von den Simple Minds

ma. Die Kultband Simple Minds erleben eine regelrechte Renaissance – mit starken neuen Songs und ausverkauften Konzerten. Ein exklusives Gespräch mit Sänger Jim Kerr.

Herr Kerr, alles Gute nachträglich – wie haben Sie Ihren 63. Geburtstag gefeiert?

Na ja, ich bin kein sonderlich großer Fan von Geburtstagen – und ich feiere auch nie Weihnachten oder Neujahr. Von daher war ich einfach auf der Bühne und hatte danach ein Bier mit der Band – das war´s. Das einzig Besondere an dieser Zahl, an der 63, ist: Sie zeigt mir, dass ich es tatsächlich geschafft habe, ganz für und von der Musik zu leben. Das war immer mein Traum und er ist Wirklichkeit geworden – worüber ich sehr glücklich bin. Diese Erkenntnis ist eigentlich das schönste Geburtstagsgeschenk.

Was ist mit der kreativen und kommerziellen Renaissance, die die Simple Minds gerade erleben – gehört die ebenfalls dazu? Und: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Das ist einfach umwerfend. Ich meine, hätte man mir das vor ein paar Jahren prophezeit, wäre es mir schwergefallen, das zu glauben. Aber es ist wirklich so: Man kann auch im fortgeschrittenen Alter Erfolg haben – so lange da Leidenschaft herrscht. Allerdings ist das nicht gerade leicht, wenn man ein gewisses Alter überschritten hat. Wenn du jünger bist, hast du mehr Energie und Ehrgeiz – und weniger Verpflichtungen. Ältere Künstler sind meist Rock-Legenden oder reine Nostalgie-Acts – nur: haben sie noch etwas Neues zu sagen? Können sie mit ihrem Frühwerk konkurrieren? Viele verlieren ihre Relevanz und machen trotzdem weiter. Daran haben wir kein Interesse. Sondern: Wir wollen gute, neue Musik abliefern.

Wie haben Sie es geschafft, die Band zu alter Größe zurückzuführen? Was ist der Trick – und wie kommt es, dass das eigentlich kaum jemandem gelingt?

Das stimmt: Das ist eine seltene Sache, dass man eine zweite Chance erhält. Gerade in unserer Branche, die wirklich brutal ist. Wenn du hier einmal am Boden liegst, erlaubt man dir eigentlich nicht, noch einmal aufzustehen und weiterzumachen. Aber die Sache ist halt: Wir waren nie verbittert darüber, als unsere Popularität nachgelassen hat – wir fühlten uns nicht betrogen oder ungerecht behandelt. Sondern: Uns war klar, dass immer noch Musik in uns steckt und dass wir längst nicht am Ende sind. Wir mussten nur Geduld haben, ein paar neue Sachen ausprobieren, Selbstbewusstsein tanken, starke Musiker finden und auch ein bisschen Glück haben.

Stimmt es, dass Sie mittlerweile beide auf Sizilien leben – und auch noch in unmittelbarer Nachbarschaft?

Das stimmt – und auch das ist eigentlich unglaublich. Schließlich sind wir in derselben Straße in Glasgow aufgewachsen – und leben jetzt wieder auf derselben Straße in Taormina.

Aktuell sind Sie auf der „40 Years Of Hits“-Tour, die eigentlich schon 2020 stattfinden sollte, aber der Pandemie zum Opfer fiel. Eine weitere Werkschau, wie der Titel vermuten lässt?

Es ist ein Zweieinhalb-Stunden-Programm unserer bekanntesten Stücke – also all das, was wir als „unsere Klassiker“ bezeichnen würden. Und das ist perfekt für einen netten Sommerabend: Eben 18 bis 20 Stücke, die wirklich jeder mitsingen kann, der sich ein bisschen für uns interessiert. Klar, ist es reine Nostalgie, aber darauf stehen ja viele Leute. Und im Herbst, wenn wir ein neues Album am Start haben, werden wir wieder mit frischen Songs aufwarten.

Das neue Album ist für Ende Oktober angesetzt. Warum investieren sie immer noch Arbeit, Zeit und Geld, wenn sich mit Tonträgern angeblich kaum noch etwas verdienen lässt?

Zunächst einmal ist es das, was wir tun – wir schreiben Songs, seit wir 13, 14 sind. Diese Band ist unsere Leidenschaft, unser kreatives Ventil, die Art, uns selbst auszudrücken. Selbst, wenn sich nicht mehr so viele Leute dafür interessieren, wie es mal der Fall war, halten wir doch daran fest – weil wir das einfach müssen. Zumal es auch so ist: Trotz Spotify finanzieren sich unsere Alben von selbst – wegen der treuen Fangemeinde, die wir haben und die immer noch haptische Tonträger kauft. Das macht uns vielleicht nicht reich, aber es beschert uns auch keinen Verlust und – das ist das Wichtigste – es bewahrt uns davor, zum reinen Museumsstück zu werden und langsam zu verkalken. Und selbst, wenn vielleicht nur zwei neue Songs den Weg in unser Live-Set finden – weil sie halt wirklich gut sein müssen, um neben den Klassikern zu bestehen – sorgt das für eine Auffrischung. Nach dem Motto: Es ist dasselbe Buch, aber ein neues Kapitel. Das ist uns wichtig.

Was Ihnen auch einmal sehr wichtig war: Die Haftentlassung von Nelson Mandela, das Ende der Gewalt in Nordirland und der Kampf gegen den Hunger in Afrika. Wie empfinden Sie die moderne Welt? Hätten Sie es je für möglich gehalten, dass da so viel falsch laufen könnte?

Wer hätte das voraussagen können? Also, dass wir nicht nur eine globale Pandemie erleben, die sich über mehrere Jahre hinzieht, sondern auch noch all die anderen Dinge, die gerade in der Welt passieren. Etwa die Wiederbelebung des Kalten Kriegs mit Russland, der eigentlich längst vorbei schien. Oder diese Flüchtlingsströme: Menschen, die per Boot über den Ärmelkanal zu kommen versuchen – nur um per Flugzeug nach Ruanda abgeschoben zu werden. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal so etwas wie den Brexit erleben würde. Das ist alles unfassbar.

Also ist Musik als therapeutisches Mittel heute umso wichtiger – um all das, was um uns herum passiert, einfach mal auszublenden?

Es gibt unterschiedliche Arten von Musik, die gut für unterschiedliche Dinge sind. Aber was ich auf unserer laufenden Tour erlebe, ist, dass Menschen da über zwei Stunden rumhüpfen. Und ich schätze: Wenn sie das tun, vergessen sie alles andere, über das wir gerade gesprochen haben. Das ist ja auch wichtig: Man muss schließlich mal abschalten können. Und in einer Menge zu tanzen und Spaß zu haben, hat eine positive Energie und vermittelt das Gefühl von Gemeinschaft und Geborgenheit. Wo sonst würde man das gerade in der Welt finden? Da gibt es nicht viele Orte.

Wenn Sie nicht auf der Bühne oder im Studio stehen, haben Sie genug mit den deutschen Touristen in Ihrem Hotel, der Villa Angela auf Sizilien, zu tun?

(lacht) Ich stehe eher selten hinter der Rezeption – und das ist auch gut so, glauben Sie mir. Aber: Bei mir sind die Deutschen jederzeit willkommen. Ich verdanke ihnen schließlich ein tolles Leben. Mögen noch einige Jahre dazukommen… (lacht)

Interview: Marcel Anders

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