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Politik

“Genug Potential für einen Bi-Pride”

Arndt Klocke

Arndt Klocke (Grüne) im FRESH Interview über aktuelle queer-politische Fragen

dd. Arndt Klocke, 51, ist direkt gewählter Landtagsabgeordneter der Grünen aus Köln und Sprecher für Bauen+Wohnen und Mentale Gesundheit. In der Community engagiert er sich seit Anfang der Neunziger. Er lebt zusammen mit Sven Lehmann, dem Queerbeauftragten der Bundesregierung. FRESH sprach mit ihm über queer-politische Fragen.

Arndt, neben den schlimmen Mordanschlägen in Bratislava und Oslo starb hier in Münster ein junger Transmann aufgrund homophober Gewalt. Was muss in unserer Community und der Politik geschehen, um das Unterdrücken und Morden zu beenden? Reichen die bisherigen Maßnahmen und Projekte hierzulande überhaupt aus?

Mein Antwort lautet: Nein! Die bisherigen Maßnahmen der Anti-Gewalt Arbeit und von Aktionsplänen reichen offenkundig nicht aus. Ich habe selber in Münster studiert und mich jahrelang in der queeren Community dort engagiert. Das selbst in der Stadt des Westfälischen Friedens ein junger Mann beim CSD nach einem Anschlag ums Leben kommt, schockiert uns alle. Mein Vorschlag ist, dass die Szene mit den politischen Parteien, der Polizei und den Ordnungsbehörden sprechen und diskutieren muss, welche Maßnahmen die Community selber treffen kann. Wir müssen allen Queers signalisieren: Jede/-n von uns kann es treffen! So wie es zum Beispiel im Sommer eine breit angelegte und erfolgreiche Kampagne zur Impfung gegen Affenpocken gab, müssen wir auch in der Szene über die Bedrohung von Gewalttätern und Rechtsextremisten sprechen und informieren. Selbstverständlich ohne Panikmache. Aber es hilft leider nichts, die Gefahr ist real! Ständig von „Einzelfällen“ zu reden, lenkt ab und hilft nicht weiter.

Es gibt immer noch viel zu tun, damit LGBTI-Jugendliche ohne Angst und psychische Probleme, die sich aus der erlebten Diskriminierung ergeben, leben können. Du warst kürzlich in Essen beim Kongress von „gerne anders“ zum Thema „Gesundheit bei jungen LGBT“ und bist neuerdings Sprecher Deiner Fraktion für mentale Gesundheit. Was sind deine Ansätze hier?

Ohne jeden Zweifel haben junge Queers nicht dieselben mentalen Startbedingungen ins spätere Erwachsenenleben wie ihre heterosexuellen Mitschüler*innen und Freund*innen. Erstmal hat jede/r zu akzeptieren, einer gesellschaftlichen Minderheit anzugehören. So ein Schritt ist vielfach schwer genug. Leider wird heute noch immer nicht flächendeckend in Schule und Jugendarbeit vermittelt, dass in Vielfalt und Andersartigkeit unglaubliche Chancen und ein großer Reichtum liegen. Selbstakzeptanz kann nur mit Anerkennung und Wertschätzung gelingen. Die weiterhin um ein zigfaches höheren Raten an Suizidversuchen bei jungen LGBT sind erschreckend und gleichzeitig auch beschämend für unsere angeblich so tolerante Gesellschaft. Junge Queers brauchen flächendeckend und nicht nur in den urbanen Zentren Anlauf- und Beratungsstellen und gleichzeitig auch die Vermittlung von qualifizierten queer-freundlichen Therapeut*innen und Ärzt*innen. Dazu steht einiges in unserem NRW-Koalitionsvertrag, was nun umgesetzt werden muss.

Du warst kürzlich Teilnehmer und auch Redner bei der zweiten Bi-Pride Demo in Hamburg. Dieses Event ist bundesweit bislang einmalig und gibt es aktuell nur im Norden. Wie kam es dazu und wie waren Deine Eindrücke?

Ich habe die erste Demo schon im letzten Jahr wahrgenommen. Toll, was dort die Hamburger um Frank Thies und sein Team auch mit Unterstützung der grünen Gleichstellungssenatorin Katharina Fegebank und dem Land Schleswig-Holstein auf die Beine gestellt haben. Bisexuelle sind weiterhin in unserer queeren Community wenig sichtbar und werden nicht nur gesellschaftlich, sondern auch teilweise in der Community diskriminiert. Insbesondere Bi-Männer trauen sich oft kaum, sich zu outen und offen zu leben. Mit Florian Pankowski aus Bochum haben wir Grüne in diesem Sommer erstmals einen offen Bisexuellen in unseren grünen NRW-Vorstand gewählt. Der Bi-plus Pride war trotz Hamburger Schietwetter ein großer Erfolg und eine tolle, sehr bunte Veranstaltung mit wunderbaren Menschen. Ich will demnächst zusammen mit dem Queeren Netzwerk NRW, dem bisexuellen Netzwerk BiNe und anderen Gruppen sprechen, um anzuregen, dass wir im kommenden Jahr auch hierzulande einen Bi-Pride auf die Beine gestellt bekommen. NRW hat genug Potential dafür! Es geht um eine eigene Sichtbarkeit, wie es auch schon Trans-Pride Demos oder den Dyke March in Köln gibt. Dabei geht es um eine Ergänzung und keinesfalls um ein Gegeneinander zu den NRW-CSDs, die selbstverständlich weiterhin mit der ganzen Bandbreite unserer Community stattfinden werden.

Wie stehst Du zum Boykott der WM im homophoben Land Katar? Sollte man sich an Aktionen beteiligen, um auf die schlimme Menschenrechtslage dort aufmerksam zu machen?

Aktionen und Proteste finde ich, so lange es friedlich abläuft, immer sinnvoll! Bei der WM Katar ist der Zug allerdings schon vor Jahren abgefahren. Niemals hätte man die Wettkämpfe dorthin vergeben dürfen. Ich glaube nicht an solche Märchen, wie sie uns der DFB erzählt, dass die WM in Katar kulturell und politisch etwas verändern wird. Haben die Olympischen Spiele in China was zum Besseren verändert? Oder die Fussball-WM in Russland? Nein, gar nichts

Wo siehst Du unsere Community in NRW in zehn Jahren?

Unsere Community wird dann hoffentlich noch vielfältiger, bunter und schlagkräftiger sein als heute. Vermutlich werde ich mich dann schon in queeren Seniorenprojekten tummeln und zusammen mit Carolina Brauckmann, Georg Roth und anderen Freunden das bunte Leben im Alter noch lebenswerter machen.

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