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Kino-Tipp

Filmfest: Ahmed Umar im Interview

„Der Wandel im Sudan wird noch zu unseren Lebzeiten erfolgen“- Der sudanesische Künstler Ahmed Umar über die LGBT-Situation in seinem Land

Ahmed Umar wurde 1988 im Sudan geboren und lebt seit einigen Jahren in Norwegen, wo er sich mit seinen queeren Performances, Fotografien, Bildern und Skulpturen einen Namen gemacht hat. Er wird im Film „The Art of Sin“ porträtiert, der auf dem Afrika Film Festival in Köln gezeigt wird. Dazu haben wir Ahmed befragt.

Du hast als schwuler Mann sowohl im Sudan als auch in Norwegen Gewalt und Diskriminierung erfahren. Fühlst Du Dich überhaupt irgendwo sicher?

Da mein persönlicher Stil Menschen mit Komplexen provozieren kann, ist wohl kein Ort komplett sicher für mich. Aber in Norwegen fühle ich mich schon sehr viel sicherer. Es gibt Gesetze, die mein Recht auf ein würdevolles und mobbing-freies Leben schützen. Dennoch ist es kein „queerer Himmel“. Hass-Reden nehmen zu und auch Angriffe auf uns finden noch statt. Meine Erfahrungen haben mich veranlasst, meine Definition von Sicherheit zu überdenken. Sie kommt für mich aus mir selbst heraus. Ich fühle mich sicher damit, wer ich bin, und ich kann mich über den Hass erheben, wenn ich mich dazu entschließe.

Die Todesstrafe für Homosexuelle wurde im Sudan 2020 abgeschafft, aber es gibt dafür noch immer lebenslange Haftstrafen. Glaubst Du, dass Schwulsein dort jemals wieder legal sein wird?

Nenn mich naiv, aber ich glaube, dass dieser Wandel noch zu unseren Lebzeiten erfolgen wird. Meine Einschätzung rührt aus meinen persönlichen Erfahrungen der letzten Jahre seit meinem Coming Out. Die heftigen Aggressionen und Todesdrohungen haben selbst Leute in den Untergrund getrieben, die mich zunächst unterstützt hatten. Fünf Jahre später können die Menschen mich und meine Ideen offen unterstützen. Das hat sich in den letzten 50 Jahren in vielen Ländern Europas und der Welt so entwickelt. In diesen 50 Jahren hat sich beispielsweise auch das norwegische Rechtssystem verändert. Schwule Männer wurden auch dort verurteilt, nun dürfen sie sich sogar heiraten. Das könnte auch im Sudan passieren und hat mich motiviert, den Nile Pride 2030 ins Leben zu rufen. Meine Vision, einen Pride in der Nile Street, der größten Straße in Khartum, zu feiern, ohne dabei sein Leben zu riskieren. Ich glaube, dass man Homophobie mit dem Wissen über sexuelle Diversität und einen offenen Dialog bekämpfen kann. Daran mangelt es im Moment noch in der sudanesischen Bevölkerung.

Junge queere Menschen brauchen Vorbilder. Hattest Du diese in Deiner Jugend und inwiefern bist Du nach Deinem Coming Out nun selbst zu solch einem Vorbild geworden?

Als ich aufwuchs, wurden die Medien extrem zensiert, ich hatte keinen Internetzugang und fühlte mich sehr einsam. Was ich über meinesgleichen erfuhr, waren von Hass und Ignoranz erfüllte Fernsehsendungen und die wenig freundlichen Ansichten aus dem Schullehrplan und aus der Nachbarschaft. Ich hatte von Elton John und Freddie Mercury gehört, aber das waren beides Menschen aus dem Westen mit anderen kulturellen und religiösen Hintergründen. Einer starb an der „Schwulenseuche“, und mit dem anderen konnte ich mich gar nicht identifizieren. Ich wusste von einigen wenigen schwulen Sudanesen, aber das waren Aussätzige, die ständig beschämt und gedemütigt wurden. Damals wollte ich mit keinem von ihnen in Verbindung gebracht werden. Da ich aus einer religiösen und angesehenen Familie stamme, musste ich deren Ruf wahren. Also verschloss ich mich und lebte mit einem Geheimnis, bis das ungesund für mich wurde. Ich fühlte mich verflucht und dass ich es nicht verdient habe, zu leben. Ich sah den Tod überall. Der erste Mann, den ich im Sudan liebte, verließ mich, als er andere hübsche Teenager fand, die er manipulieren konnte. Der einzige Mann, bei dem ich mich sicher fühlte, über meine Verletzungen zu sprechen, war jemand, der mich sexuell belästigte. Diese Erfahrung ist immer in meinem Kopf, wenn ich mich im Internet präsentiere. Niemand sollte sich so einsam fühlen, dass er sich nur an einen Sexualtäter wenden kann. Das versuche ich immer wieder klarzumachen, damit jeder Teenager irgendwo im Sudan weiß, dass es auch offen schwule, stolze Sudanesen gibt. Trotz des Preises, den ich für diese Offenheit zahlen muss, ist dies das größte Geschenk für mich. Ich werde von so vielen jungen Sudanesen kontaktiert, die das mit mir teilen, was ich in ihrem Alter ebenfalls so gerne geteilt hätte: „Hey, ich bin auch schwul!“ Heute bin ich eine Anlaufstelle für viele Sudanesen, und wir sind eine große, schöne Familie geworden.

Noch schlimmer als die Gesetze gegen Homosexualität ist die Beschädigung des guten Rufes einer sudanesischen Familie, wenn herauskommt, dass eines ihrer Mitglieder queer ist. Wie könnte sich das Deiner Meinung nach ändern?

Meiner Meinung nach liegt die Lösung dafür im Coming Out. Unsere Gesellschaft braucht mehr Beispiele von LGBTIQ*-Menschen aus ihrer Mitte, die out and proud sind und für ihre Position in der Gesellschaft einstehen. Man muss ihnen sprichwörtlich beibringen, dass unsere Unterschiede unsere Stärke sind und dass Diversität etwas Natürliches ist. Das klingt so grundlegend, aber es geht hier um den Dialog mit einer Gesellschaft mit einem sozialen Bewusstsein, das über eine sehr lange Zeit hinweg von religiösen Ideologien und dem Patriarchat beschädigt wurde.

Fr 23/09/22, 20:00, beim Afrika Film Fest im Filmforum Museum Ludwig Köln, in Anwesenheit von Ahmed Umar

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