Interview

Eine weitere Farbe des Spektrums

Eine weitere Farbe des Spektrums

Sänger Damien Cain über seine queere Pop-Ballade „Caleb“

fb. Damien Cain, der Sänger der Alternative-Rock-Band Cain („Age of Darkness“), hat für sein neues Album „Standarte“ mit Jamie Wiltshire eine Pop-Rock-Ballade zu einer gescheiterten schwulen Liebe mit dem Titel „Caleb“ aufgenommen. Anlässlich des Pride Month haben wir ihn zu den Hintergründen befragt.

Deine Musik hat eine große Bandbreite, und dennoch fällt „Caleb“ als Pop-Rock-Ballade aus dem Rahmen. Wie kam es zu der Entscheidung?

Schon beim Schreiben der Lyrics von „Caleb“ habe ich gemerkt, dass das weder eine Gothic- noch eine Metal-Nummer werden kann. Aber das Genre war keine strategische Entscheidung nach dem Motto: So, daraus machen wir jetzt eine massentaugliche Ballade. Die Musik hat sich förmlich aufgedrängt. Gerade auf meinem aktuellen Album „Standarte“ gibt es so viele verschiedene Farben, von Metal über Emo und Punk, bis zu den dunklen Momenten, da ist „Caleb“ einfach eine weitere Farbe des Spektrums. Und der Song ist mir wichtig. Deshalb durfte und musste er genau so aufs Album. Manchmal braucht eine Platte so einen Moment, in dem etwas überraschend Menschliches sichtbar wird.

Was war Deine Motivation, musikalisch die Geschichte einer schwulen Liebe zu erzählen?

Ich glaube, schwule Liebe verdient es, genauso selbstverständlich besungen zu werden wie jede andere Liebe auch. Romantik, Schmerz, Sehnsucht, Körperlichkeit, Würde und Drama – das gibt es in allen Arten von Beziehungen. Für mich war wichtig, dass „Caleb“ nicht nur ein queeres Thema behandelt, sondern wirklich eine echte Liebesgeschichte erzählt, bzw. deren Nachhall. Viele queere Menschen kennen sicher das Gefühl, dass ihre Geschichten entweder problematisiert, exotisiert oder nur am Rand erzählt werden. Ich wollte einen Song schreiben, in dem diese Liebe im Mittelpunkt steht. Nicht als Erklärung für ein heteronormatives Publikum, sondern als echte, als erlebte, emotionale Realität. Manche Gedanken und Gefühle wollen einfach nicht eingesperrt bleiben im Kopf und müssen irgendwann raus. So ein Fall ist „Caleb“.

Der Song ist ein Duett mit Jamie Wiltshire, der einer anderen Generation angehört. Ist das auch als Brückenschlag zu verstehen?

Dass der Song ein Duett geworden ist, war beinahe ein Zufall: Ich habe Jamie (wie bei anderen Songs auch) gebeten, Backing-Vocals beizusteuern. Aber als ich seine Performance bei „Caleb“ hörte, klang das für mich plötzlich wie eine neue Ebene, wie ein Gespräch über eine gemeinsam erlebte Vergangenheit, und ich musste diese Version einfach veröffentlichen, das gab dem Song eine völlig neue Dimension.
Und ja, dadurch wird „Caleb“ durchaus zu einer Art Brückenschlag. Queere Generationen haben sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht: andere Ängste, andere Freiheiten, andere Kämpfe. Wenn zwei Stimmen aus verschiedenen Generationen gemeinsam eine Liebesgeschichte singen, entsteht automatisch ein Dialog. Das Schöne ist: Der Song erklärt das nicht. Er lässt es einfach passieren. Für mich liegt gerade darin die Kraft des Duetts. Es geht nicht um Theorie, sondern um Stimmen, die sich begegnen.

Du bist 2020 von NRW nach Irland gezogen. Hat das auch Deine Musik verändert?

Ja, auf jeden Fall. Ein Ortswechsel verändert immer etwas, besonders, wenn man das Land verlässt, in dem man aufgewachsen ist. Und ich habe mir einen Traum aus meinen frühen Zwanzigern erfüllt und bin in mein Sehnsuchtsland ausgewandert. Es ist die atemberaubende Landschaft, selbstverständlich die Bedeutung von Musik im täglichen Leben, die allgegenwärtige, inspirierende Melancholie, Ruhe statt Stress – und die ehrliche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, die mich damals wie heute gefangen genommen haben. Das alles ist extrem inspirierend, erdend und massiv künstlerisch beeinflussend. Irland gibt dir die Zeit, wirklich du selbst zu sein. Ich glaube, meine Musik ist dadurch freier, mutiger und persönlicher geworden.

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